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Ärztemangel im Krankenhaus

Auftraggeber: Deutsche Krankenhausgesellschaft - www.dkgev.de
Bearbeiter: Dr. Karl Blum, Dr. Sabine Löffert
Beginn: November 2009
Ende: September 2010

Hintergrund

Der Ärztemangel im Krankenhaus entwickelt sich zusehends zu einem gravierenden Problem der stationären Versorgung. Vor diesem Hintergrund sollten die aktuelle und künftige Situation im ärztlichen Dienst der Krankenhäuser und darüberhinaus in der Gesundheitsversorgung insgesamt umfassend analysiert sowie Handlungsempfehlung zur Behebung des Ärztemangels abgeleitet werden.

Methodik

Das Projekt umfasste zwei Forschungsmodule: eine schriftliche Repräsentativbefragung von insgesamt 450 Krankenhäusern sowie Sekundäranalysen der amtlichen Krankenhausstatistik des Statistischen Bundesamtes bzw. der Ärztestatistik der Bundesärztekammer.

Ergebnisse

Zum Jahresbeginn 2010 hatten rund drei Viertel der Krankenhäuser in Deutschland Probleme, offene Stellen im ärztlichen Dienst zu besetzen. Hochgerechnet konnten bundesweit 5.500 Vollkraftstellen im ärztlichen Dienst der Krankenhäuser nicht besetzt werden. Bezogen auf die Gesamtzahl der Arztstellen in deutschen Krankenhäusern blieben bundesweit 4,1% der Stellen im Ärztlichen Dienst unbesetzt. Vom Ärztemangel sind vor allem kleinere Krankenhäuser bis 300 Betten, Psychiatrien und Krankenhäuser in ländlichen Räumen überproportional betroffen.

Bis zum Jahr 2019 wird zur Bedarfsdeckung an Ärzten (inklusive der vertragsärztlichen Versorgung und anderer Bereiche) ein Zugang von 139.000 Ärzten benötigt. Diese Zahl setzt sich zusammen aus einem Ersatzbedarf von 108.000 Ärzten (vor allem infolge altersbedingter Berufsaufgaben) und einem Mehrbedarf von 31.000 Ärzten (insbesondere wegen der Bevölkerungs- und Morbiditätsentwicklung und der Zunahme der Teilzeitarbeit). Saldiert man den künftigen Ärztebedarf mit den wahrscheinlichen Neuzugängen aus dem Medizinstudium, dann würden nach dem derzeit realistischsten Szenario bis zum Jahr 2019 etwa 37.400 Ärzte fehlen.

Zur Bekämpfung des Ärztemangels setzen viele Krankenhäuser zusehends finanzielle Anreizinstrumente ein, wie außer- oder übertarifliche Zahlungen, Leistungsprämien bzw. Boni oder die finanzielle Unterstützung von Kosten für Fortbildungen, Kongresse etc. Solche Anreizinstrumente werden überproportional von Krankenhäusern mit größerem Ärztemangel eingesetzt. Der breite Einsatz finanzieller Instrumente bildet somit eher eine Reaktion auf den Ärztemangel als wirksame Gegenmaßnahme zu dessen Abbau.

Mehr als die Hälfte der unbesetzten Arztstellen in deutschen Krankenhäusern betreffen Assistenzärzte in Weiterbildung. Zur Förderung der ärztlichen Weiterbildung sind standardisierte Weiterbildungspläne, regelmäßige Weiterbildungsgespräche und Zusagen zur Einhaltung der vorgesehenen Weiterbildungszeiten am weitesten verbreitet. Krankenhäuser, welche Instrumente zur Förderung der ärztlichen Weiterbildung standardmäßig einsetzen, haben einen etwas geringeren Ärztemangel als die übrigen Einrichtungen.

Moderat positive Effekte auf den Ärztemangel haben darüber hinaus eine betriebseigene Kinderbetreuung, eine systematische Personalentwicklung, die Vermeidung von Mehrarbeit bzw. eine flexible Arbeitszeitorganisation.

Fazit

Zur Behebung des Ärztemangels sind die bestehenden Versorgungsgrenzen zwischen dem ambulanten und stationären Sektor abzubauen, um eine effektive Nutzung der knappen Personalressourcen in der fachärztlichen Versorgung zu ermöglichen. Dies bedeutet u.a. die weitgehende und regelhafte Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung.

In Zukunft wird es um umgänglich sein, die Krankenhausärzte durch eine weitergehende Delegation ärztlicher Tätigkeiten umfassend zu entlasten. Darüber hinaus lässt sich die Beanspruchung der Ärzte durch eine Entbürokratisierung der ärztlichen Arbeit zurück fahren.

Die Qualität der ärztlichen Weiterbildung ist mitarbeiterorientiert weiter zu verbessern. Darüber hinaus sind die Weiterbildungsordnungen auf Verschlankungspotenziale zu überprüfen. Auch eine Differenzierung oder Modularisierung der Weiterbildung nach künftigen Einsatzbereichen ist ggf. zu prüfen.

Eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung ist eine wichtige Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch eine systematische Personalentwicklung ist ein aktiver Beitrag zur Mitarbeiterorientierung. Der Einsatz einschlägiger Instrumente, wie strukturierte Einarbeitungs-, Fortbildungs- und Weiterbildungskonzepte, Karriereplanung, Beurteilungssysteme für Vorgesetzte und Mitarbeiter etc. sind weiter zu forcieren.

Trotz aller krankenhausseitigen Verbesserungsmöglichkeiten handelt es sich beim Ärztemangel um ein Problem, das im hohen Maße durch den Mangel an verfügbaren Fachkräften bedingt ist. Deswegen sind zum einen die Drop-out-Raten während des Medizinstudiums und in der Übergangsphase zwischen Studium und Aufnahme der ärztlichen Tätigkeit zu senken. Zum anderen sollten die Studienkapazitäten in der Humanmedizin sukzessive erhöht und stärker am Bedarf fortgeschrieben werden.

Literatur

Langfassung der Studie: Download