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Medizinische Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung in Hamburg

Auftraggeber: Ev. Stiftung Alsterdorf - www.alsterdorf.de
Bearbeiter: Dr. Karl Blum, Dr. Petra Steffen
Beginn: April 2011
Ende: September 2011

Hintergrund

Deutschland hat im Jahr 2009 das "Übereinkommen der vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" ratifiziert, das u.a. festschreibt, dass Menschen mit Behinderungen die medizinische Versorgung erhalten sollen, die sie auf Grund ihrer Behinderung benötigen. Erste Erkenntnisse legen nahe, dass das deutsche Gesundheitssystem dem spezifischen und erhöhten Behandlungsbedarf von Menschen mit geistiger Behinderung noch nicht gerecht wird. Die Evangelische Stiftung Alsterdorf hat das DKI in Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) mit einer qualitativen Pilotstudie beauftragt, um die medizinische Versorgungssituation von Menschen mit geistiger Behinderung in zwei Hamburger Bezirken erstmals explorativ zu untersuchen.

Methodik

Die exemplarische Bestandsaufnahme der spezifischen Versorgungssituation in zwei Hamburger Bezirken (Altona und Bergedorf) erfolgte mittels Befragung. Es wurden Einzelinterviews mit Mitarbeitern von Einrichtungen der Eingliederungshilfe sowie ein Workshop mit gesetzlichen Betreuern und Angehörigen von Menschen mit geistiger Behinderung durchgeführt. Ergänzend wurden Telefoninterviews mit Angehörigen und gesetzlichen Betreuern geführt. Die HAW hat zudem Betroffene befragt.

Ergebnis

Die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung offenbart, aus Sicht der Befragten, sowohl im vertragsärztlichen als auch Krankenhausbereich mehr Schwächen als Stärken. Als zentrale Probleme wurden ein inadäquater Umgang mit und fehlende spezielle Kenntnisse der medizinischen Besonderheiten bei Menschen mit geistiger Behinderung sowie ein inadäquates Einbestellsystem oder Überleitungsmanagement genannt. Gleichwohl haben alle Menschen mit geistiger Behinderung bzw. deren Angehörige / Betreuer berichtet, dass sie Haus- und Fachärzte gefunden hätten, die sie gut betreuen.
Angehörige oder Betreuer übernehmen bei der medizinischen Versorgung eine zentrale Rolle. Probleme bei der Symptomerkennung und Diagnosestellung wurden relativ selten genannt, da die Ärzte die Patienten gut kennen oder die Begleiter / Angehörigen die Ärzte hier unterstützen würden. Bei neuen Ärzten wäre dies anders.

Fazit

Grundsätzlich zeigten sich viele Ähnlichkeiten zwischen Patienten mit und ohne geistige Behinderung (z. B. Information und Kommunikation durch das Personal oder bei der Krankenhausentlassung, Wartezeiten, wenig Zeit für den Patienten) Hieraus darf jedoch nicht der Schluss gezogen werden, dass somit kein Handlungsbedarf bestünde. Diese Probleme sind für die Betroffenen gravierender. Zudem wurden über die genannten Aspekte hinaus weitere spezielle Versorgungsprobleme von Menschen mit geistiger Behinderung identifiziert (z.B. Mangel an ausreichend qualifizierten Ärzten, die Erfahrung im Umgang und medizinisches Know-how haben, verstärkte Medikalisierung, unzureichendes psychologisch-psychatrisches Angebot). Die Studie hat erste Anhaltspunkte aufgezeigt, wie die medizinische Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung in Hamburg ggf. verbessert werden kann.

Literatur

Kurzfassung der Studie als Download:
Medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung in Hamburg