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Pflegefremde/patientenferne Tätigkeiten im Pflegedienst der Krankenhäuser - Studie zur Ermittlung ihres zeitlichen Aufwandes

Auftraggeber: mit Unterstützung der Medvantis Medical Business Solutions AG
Bearbeiter: Dr. Karl Blum
Beginn: 25.07.2002
Ende: 31.12.2002

Hintergrund

Im Kontext der aktuellen Diskussion um den Personalmangel und die Arbeitsüberlastung in deutschen Krankenhäusern wird u.a. kritisiert, dass die Pflegekräfte im Krankenhaus zunehmend durch sog. pflegefremde bzw. patientenferne Aufgaben belastet sind. Repräsentative Daten zu Art und Aufwand pflegefremder/patientenferner Tätigkeiten existierten indes bislang nicht. Vor diesem Hintergrund sollte zum einen der Aufwand für pflegefremde/patientenferne Tätigkeiten insgesamt bzw. differenziert für verschiedene Einzeltätigkeiten quantifiziert werden. Zum anderen sollten Handlungsoptionen zur Reduktion oder Delegation dieser Tätigkeiten ermittelt werden.

Methodik

Das Forschungsprojekt bestand aus zwei Modulen: Workshops mit ausgewählten Pflegekräften zur Ermittlung der relevanten pflegefremden bzw. patientenfernen Tätigkeiten im Pflegedienst der Krankenhäuser und einer schriftlichen Repräsentativerhebung in brutto knapp 800 Fachabteilungen der Allgemeinchirurgie und Inneren Medizin. Die Befragungsteilnehmer sollten den durchschnittlichen Aufwand für rund 70 verschiedene Tätigkeitsarten aus den Bereichen Dokumentation und Administration, Hol- und Bringedienste, Logistik und Beschaffung sowie Reinigungsdienste angeben. Insgesamt beteiligten sich 295 Fachabteilungen an der Erhebung (Rücklaufquote: 37,1%).

Ergebnisse

Den mit Abstand größten Aufwand unter den pflegefremden bzw. patientenfernen Tätigkeiten verursacht die Dokumentation und Administration. In der Chirurgie ist eine Pflegekraft im Durchschnitt 88,2 Minuten pro Arbeitstag mit Dokumentation und Administration beschäftigt, in der Inneren Medizin sogar 96,5 Minuten. Bei einer 38,5-Stunden-Woche entfallen fachgebietsübergreifend somit bei jeder Pflegekraft etwa 20% der Arbeitszeit auf diesen Tätigkeitsbereich.

Den zweiten großen Block innerhalb der pflegefremden/patientenfernen Tätigkeiten bilden die Patientenbegleit-,Hol- und Bringedienste. Für diese Dienste wird eine Pflegekraft der Chirurgie durchschnittlich etwa 29,5 Minuten pro Arbeitstag eingesetzt. Vor allem auf Grund eines anderen Patientenklientels fällt der entsprechende Durchschnittswert in der Inneren Medizin mit 20,9 Minuten deutlich niedriger aus. Hol- und Bringedienste machen damit 6,4% (Chirurgie) bzw. 4,5% (Innere Medizin) der täglichen Arbeitszeit von Krankenschwestern und -pflegern aus.

Mit Tätigkeiten aus dem Bereich Logistik und Beschaffung ist eine Pflegekraft täglich knapp 10 Minuten befasst. Dies entspricht 2% der täglichen Arbeitszeit des Pflegedienstes. Durch Reinigungsdienste ist jede Pflegekraft im Durchschnitt gut 3 Minuten täglich bzw. 1% ihrer täglichen Arbeitszeit beansprucht .

Der Gesamtaufwand für pflegefremde/patientenferne Tätigkeiten beläuft sich fachgebietsübergreifend auf rund 2:10 Stunden pro Pflegekraft und Arbeitstag. Die erfassten Tätigkeiten machen, gegeben eine 38,5-Stunden-Woche, damit gut 28% der Arbeitszeit von Kranken schwestern und -pflegern aus. Auf Grund großer Unterschiede in der Organisation der Krankenhäuser bzw. der Arbeit des Pflegedienste streuen die Werte sehr stark zwischen verschiedenen Fachabteilungen.

Eine Entlastung von pflegefremden Tätigkeiten versprechen sich die Pflegekräfte vor allem durch eine Delegation an andere Berufsgruppen und Dienste sowie durch eine verbesserte Ausstattung und Organisation im Krankenhaus.

Deutliche Vorteile von Fachabteilungen mit einer besonderen personellen Ausstattung (z.B. Stationssekretärin) bzw. von Kliniken mit einer bestimmten technischen Ausstattung (etwa Krankenhausinformationssystem, Modulschränke) konnten jedoch überwiegend nicht nachgewiesen werden. Möglicherweise spielen hier unternehmenskulturelle Faktoren eine ebenso große Rolle wie die personelle oder technische Infrastruktur des Krankenhauses.

Fazit

Mit der Studie liegen erstmals repräsentative Daten zum Aufwand für pflegefremde bzw. patientenferne Tätigkeiten in deutschen Krankenhäusern vor. Es konnte gezeigt werden, dass diese Tätigkeiten einen nicht unerheblichen Anteil an der pflegerischen Arbeitszeit ausmachen, welcher nicht mehr unmittelbar für patientennahe Arbeiten zur Verfügung steht. Da in der Allgemeinchirurgie wie in der Inneren Medizin nahezu identische Aufwandswerte resultierten, spricht einiges dafür, dass die Ergebnisse auch auf andere operative und konservative Fächer übertragbar sind.

Die Studienergebnisse stehen unter dem Vorbehalt, dass für die Definition "pflegefremder" Tätigkeiten kein breiter Konsens besteht. Eine grundlegende Verständigung über das Selbstverständnis von Krankenschwestern und -pflegern scheint daher angezeigt. D.h., "die Pflege" muss klären, welche Arbeiten sie weiterhin verrichten (oder zusätzlich übernehmen) will und welche der bislang vom Pflegedienst durchgeführten Tätigkeiten sinnvollerweise an andere Dienste oder Berufsgruppen delegiert werden können oder sollen.